Die Wissenschaft bei Sherlock Holmes

Die Wissenschaft bei Sherlock HolmesKürzlich bin ich über ein eher unscheinbar wirkendes, kleines Büchlein gestolpert, das sich jedoch als sehr lesenswert herausstellte und das ich Euch daher nicht vorenthalten möchte: “Die Wissenschaft bei Sherlock Holmes und die Anfänge der Gerichtsmedizin” von der amerikanischen Autorin E. J. Wagner.
Der Titel ist etwas irreführend, denn der überwiegende Teil des Buches hat wenig mit Sherlock Holmes zu tun, jedoch sehr viel mit Gerichtsmedizin. In dreizehn Kapiteln geht die Autorin in einem angenehmen Schreibstil auf die verschiedensten Aspekte der Ermittlungsmethoden, Spurensuche und Gerichtsmedizin ein. Anhand vieler Beispiele, darunter zahlreiche historische Kriminalfälle, schildert Wagner unter anderem, wie Fingerabdrücke, Ballistik, Giftnachweise, Sektion und andere Techniken ihren Siegeszug in der Strafverfolgung antraten. Auch der Untersuchung des Insektenbefalls von Leichen und den daraus resultierenden Erkenntnissen ist ein Kapitel gewidmet, welches man jedoch besser nicht mit einem schwachen Magen lesen sollte.

Wagner garniert all das geschickt mit Querverweisen und passenden Textauszügen aus Holmes Fällen und informiert den Leser auch über interessante Begebenheiten in Sir Arthur Conan Doyles Leben, z. B. wie dieser in einem echten Mordfall – der von den zuständigen Kriminalbeamten sehr schlampig gehandhabt wurde – höchst selbst ermittelte. Doch auch andere Kriminologen der Zeitgeschichte werden beleuchtet, unter anderem Vidocq, der berühmte Gründer der Sûreté Nationale und vermutlich der erste Detektiv der Welt.

Manche der authentischen Fälle erzeugen beim Leser ein breites Spektrum an Emotionen das vom Schmunzeln über die tolpatschige Unwissenheit mancher Beamter bis hin zum fassungslosen Kopfschütteln über die bedenkenlose Verurteilung Unschuldiger und maßloser Ignoranz der verantwortlichen Polizisten und Richter reicht. Zudem eröffnen sich beim lesen auch tiefe Einblicke in die kriminellen Abgründe der menschlichen Psyche wenn man erfährt, wer da wen aus welchen Motiven wie um die Ecke brachte. Da müssen sich selbst die Coen Brüder mit ihren Filmen hinten anstellen angesichts der geschilderten Absurditäten.

Wagner wurde für dieses Buch 2007 mit dem Edgar Allan Poe Award für kriminalliterarische Werke ausgezeichnet.

Alles in allem ein sehr interessantes Buch, das für alle Amateurkriminologen (sicnr) und Spieler des Rollenspiels Private Eye Pflichtlektüre sein sollte.

“Die Wissenschaft bei Sherlock Holmes und die Anfänge der Gerichtsmedizin”, E. J. Wagner, WILEY-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, 234 Seiten, ISBN: 978-3-527-50378-0
Preis: ca. 15 Euro

Ein Kommentar zu “Die Wissenschaft bei Sherlock Holmes”

  1. Tom

    Hab mir das Buch auf deine Empfehlung hin gekauft und muss nach dem ersten überfliegen mit der Rezi übereinstimmen. Wirklich ein sehr brauchbares Werk, dessen Kauf ich nicht bereut habe.

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