So! Wider besseren Wissens habe ich es getan: Ich habe mir Guy Ritchies Neuauflage von “Sherlock Holmes” angesehen, damit ich fundiert mitreden kann. Nur, was soll ich dazu sagen? Das ist gar nicht so einfach, da der Film sehr stark polarisiert. Ja, das tun viele Filme, ich weiß. Aber er ist ein besonders extremer Vertreter dieser Spezies.
Über den Inhalt will ich hier nicht viel sagen, das dürfte den meisten schon aus dem Trailer bekannt sein. Ein böser, schwarzmagischer Kultist ermordet mehrere Leute, kehrt von den Toten zurück und strebt nach der Macht. Holmes und Watson versuchen, dem ein Ende zu bereiten.
Der Film ist handwerklich gut gemacht, spannend erzählt und die Ausstattung (Kulisse und Kostüme) ist ein wahrer Augenschmaus, was insbesondere dem viktorianischen London zugute kommt. Auch der Steampunk-Aspekt wird gegen Ende hin mit einer wundersam aussehenden Maschine gestreift.
Der anspruchslose Zuschauer bekommt einen sehr modernen Hollywood Blockbuster nach bewährtem Strickmuster mit viel Action, rasanten Kamerafahrten, Explosionen, harten Kämpfen und recht ansehnlichem Staraufgebot.
Wer keine nennenswerten Kenntnisse über die Sherlock Holmes Geschichten oder die Epoche hat und auf Einheitsbrei Popcorn-Kino steht wird genau das bekommen und sich sicherlich auch gut unterhalten.
Soweit so gut.
Wer jedoch schon die ein oder andere Holmes-Geschichte gelesen oder zumindest ein paar Folgen der britischen Fernsehserie mit Jeremy Brett gesehen hat, wird das Kino höchst angewidert verlassen, denn der Film hat eigentlich nur noch die Namen der Protagonisten und ein paar wenige Charakterzüge mit der literarischen Vorlage gemein. Hier wurde Stil und Klasse des Originals brutal auf dem Altar des Kommerz geopfert um daraus einen höchst mittelmäßigen Film zu produzieren, der aber – und da bin ich mir leider recht sicher – seine Kosten gut einspielen und den Großteil des Publikums begeistern wird.
Leider bestätigten sich alle Vermutungen, die ich damals nach dem Trailer hatte als zutreffend. Die Rollen wurden allesamt schlecht gecastet, zumindest wenn man auf Authentizität Wert legt.
Robert Downey Jr. ist zwar bemüht, Holmes als Sonderling darzustellen, aber es gelingt ihm nur ansatzweise, die Tiefe dieser Figur zu beleuchten. Und was sollen bitteschön diese ständigen Action-Prügeleinlagen? Und Ninja-Holmes? Ich bitte Euch! Das geht komplett in die Hose! Holmes ist ein Mann des Geistes, nicht der Gewalt.
Watson sieht eher wie ein Straßenpolizist in seinen Dreißigern aus, denn ein gealterter Militärarzt Anfang Fünfzig. Und in den Geschichten prügelt er sich auch nicht ständig. Gelegentlich hat er einen Revolver dabei, aber das war es dann auch schon größtenteils.
Mark Strong wirkt als Erzbösewicht Lord Blackwood so klischeehaft überzogen, dass er besser in einen Superheldenfilm gepasst hätte, bzw. sogar Lord Voldemort wie ein naives Pfadfindermädchen aussehen lässt. Peinlich und unglaubwürdig!
Rachel McAdams spielt als Irene Adler die weibliche Nebenrolle. Sie ist zwar durchaus hübsch anzusehen, spielt Irene jedoch als billiges, lüsternes Flittchen statt als “Die Frau” – wie Holmes sie immer bewundernd nannte. Er war von ihr hauptsächlich intellektuell angetan, weniger körperlich. Ihr Verhalten im Film geziemt sich nicht für eine Lady ihres Standes in dieser Epoche und ist verglichen mit der Romanvorlage “A Scandal in Bohemia” eine glatte Themenverfehlung.
Generell sind alle Figuren sehr epochenuntypisch dargestellt. Mr. Ritchie ist scheinbar der Auffassung, dass Stil, Anstand und gutes Benehmen nicht mehr zeitgemäß sind oder gar das heutige Publikum überfordern.
Und was bitteschön soll die ganze Action und die Explosionen? Wenn ich einen Actionfilm sehen will, gehe ich in James Bond, Demolition Man oder Star Wars, aber nicht in Sherlock Holmes!
Statt diesen wunderbaren Stoff so zu vergewaltigen hätte er besser eine Fortsetzung zu Snatch drehen sollen, der Stoff liegt ihm deutlich besser.
Fazit
Wer auf anspruchsloses Popcornkino steht und nie eine Holmes-Geschichte gelesen hat bekommt zwei Stunden durchschnittliche Unterhaltung.
Wer hier eine auch nur ansatzweise werksgetreue Verfilmung des Stoffes und der Figuren von Sir Arthur Conan Doyle erwartet wird bitter enttäuscht und sollte lieber auf den einzig wahren Sherlock Holmes zurück greifen: Jeremy Brett.
Eine Fortsetzung zu Sherlock Holmes ist bereits in Planung. Ich werde mir dieses Machwerk aber definitiv nicht mehr ansehen.